Das Schöne am Freakshow-Festival ist, dass man dort immer wieder Bands entdecken kann, deren bloße Existenz einem zuvor völlig unbekannt war - um dann festzustellen, dass diese doch schon einige Zeit existieren. Besonders interessant finde ich es dann, wenn solche Bands noch aus Ländern kommen, die man im allgemeinen nicht mit Prog oder überhaupt mit Rockmusik in Verbindung bringt.

Im Frühjahr 2010 waren dies Phlox aus Estland, die zu diesem Zeitpunkt immerhin schon seit einem ganzen Jahrzehnt aktiv waren. Das vorliegende Rebimine + Voltimine ist das erste Vollzeitalbum der Band (davor erschienen bereits zwei Minialben), und es bietet, so viel vorweg, Canterbury-orientierten Jazzrock vom feinsten.

Die komplett instrumentale Musik nimmt nur gelegentlich das Tempo zurück, meist heißt es: volle Fahrt voraus! Das Saxofon (meist Sopran, gelegentlich Alt) trötet aufs herrlichste, bei den Tasten ist meist perlendes E-Piano angesagt. Häufig klingt das E-Piano dabei leicht verzerrt, ein schöner Effekt. Neben einem Schlagzeuger verfügen Phlox noch über einen zusätzlichen Perkussionisten, die beiden verleihen der Musik eine äußerst dichte perkussive Grundlage, die einen kaum zu Atem kommen lässt. Dazu rockt die Gitarre ordentlich ab. Meist herrscht gleichberechtigtes Zusammenspiel, aus dem sich ab und an Saxofon, ein Tasteninstrument oder die Gitarre für ein Solo herausschält.

Bei aller Dynamik ist die Musik eigentlich nicht besonders schräg, hat eher etwas locker fließendes, das deutlich an die Canterbury-Szene erinnert. Ein Eindruck, der durch die perlenden E-Piano-Klänge noch verstärkt wird. Gelegentlich, wie in dem kurzen Kraap oder inSõjajalgne, kann es aber auch recht chaotisch werden. Vor allem letzteres ist mit stark verzerrten E-Piano-Einsätzen und dem weitgehendem Fehlen musikalischer Struktur eine echte Freude für den Liebhaber unkonventioneller Klänge!

Phlox sind eine wunderbare Entdeckung im Bereich des progressiven Jazzrock. Da kann ich nur jeden bedauern, der sich den Auftritt der Band in Würzburg hat entgehen lassen. Immerhin bietet dieser Tonträger die Gelegenheit, einiges nachzuholen. Einschalten und gut festhalten! Klar machen zum Ohren durchpusten!